"Singen - Orgel 4.0" – Warum dieses Projekt?

Das Singen in unseren Gemeinden bedarf der bestmöglichen Unterstützung. Hierfür ist die Pfeifenorgel das geeignetste Instrument – schon deshalb, weil es in der Regel vorhanden ist. Der Demographie wegen und weil viele Neuorganisten heutzutage nicht mehr jeden Sonntag spielen können/möchten ist die Versorgung mit Organisten trotz relativ konstanter  Orgelschülerzahlen schwierig, mancherorts unmöglich. In anderen Landstrichen (z.B. in Ostdeutschland) oder Ländern ist das schon seit Jahrzehnten so; dort behilft man sich mit (ebenfalls immer weniger werdenden) Klavierspielern oder CDs. Oder mittels Organola® – einer mechanischen Apparatur, mit welcher die Pfeifenorgel digital „bespielt“ wird. Es werden vielerorts schon Gottesdienste ohne Musiker gefeiert – singend mit Pfeifenorgelbegleitung.

Anliegen des Projektes „Singen – Orgel 4.0“ ist es, alle technischen Möglichkeiten, die heutzutage in Form von Apparaturen oder Hard- und Software bereits vorhanden sind, an der Stadtkirche Nagold und an einer kleinen Gemeinde-Orgel beispielhaft zu integrieren und zu realisieren. Für diese Installationen soll dann Software geschrieben werden, die z.B. Gesang so erkennt, dass der passende Satz dazu gespielt, dass Begleitsätze automatisch generiert werden in unterschiedlichen Stilen, dass das Singen nicht stur nach dem Metronom begleitet wird, sondern die Schwankungen des Gemeindegesangs erkennt und berücksichtigt u.v.m. Hier ist im Bereich des ‚deep learning’ derzeit viel in der Pipeline; als Kooperationspartner konnte dafür das cemfi (Center of Music and Film Informatics) der Musikhochschule Detmold gewonnen werden, zu welchem auch schon Verbindungen bei dem Projekt ‚Gesangbuch-App Cantico’ bestehen. 

Die Orgel, seit vergangenem Jahr Weltkulturerbe, ist in vielen Ländern schon aus der Kirche geräumt, weil sie – wie z.B. in Frankreich – schon seit Jahren nicht mehr gespielt, gewartet und erhalten worden war. Um Orgeln und den Orgelklang zu erhalten müssen Anstrengungen unternommen werden, die – der Demographie wegen – nicht allein durch verstärkte Werbemaßnahmen für Orgelanfänger abgefangen werden können.

Wenn man einen Kirchenraum betritt und ein Choral erklingt hat man ein völlig anderes synästhetisches Raumerleben, bei welchem es den Hörern nicht primär darauf ankommt, dass dies von Menschenhand live gespielt wird – das könnte auch ein ‚virtueller Organist’. Man kann (sich reinvestierende) Jukeboxes installieren, wo die Pfeifenorgel auf Midi eingespielte Orgelliteraturstücke, Improvisationen oder fünf Choräle (z.B. ‚Osterchoräle', ‚Geistliches Volkslieder’, ‚Klassiker’, Lieder aus dem „Wo wir dich loben plus“, ‚Lieder für Trauernde’) vorspielt – jedem zu der Zeit, wenn sie/er sich zum Gebet oder einfach zur Pause in den Kirchenraum setzt; oder im Konfirmandenunterricht, bei der Kirchenführung usw. Im Orgelunterricht können Stimmen ein- und ausgeblendet werden, dass der Orgelschüler selektiv Einzelstimmen üben kann. Und es gibt sicherlich noch viele weitere Ideen und Einsatzmöglichkeiten.

Daher trafen sich die Projektbeteiligten (Orgelbauer, Orgelsachverständige, Hochschulen, Kirchengemeindevertreter, Kirchenmusiker) Ende November erstmals zu einem runden Tisch, um ihre Überlegungen, Ideen, Fördermöglichkeiten etc. zusammenzutragen und zu priorisieren, was letztlich umsetzbar und möglich ist.

Ziel des Projektes ist, die vielen Möglichkeiten, die heute technisch realisierbar sind, zu bündeln und weiterzuentwickeln. Wesentlich sind dann die Symposien und Diskussionen der "Nagolder Orgelakademie" mit Theologen, Ethikern, Philosophen, Gemeindegliedern, Kirchenmusikern u.a. in denen erörtert wird, was es für Kirche und Gemeinde bedeutet, wenn Maschinen im Gottesdienst spielen, Menschen ersetzbar werden und abgewogen werden muss, ob der Einsatz digitaler Möglichkeiten gerechtfertigt ist oder das Singen und der Orgelklang irgendwann ganz verstummen, auch weil sich niemand mehr traut oder in der Lage ist, ein Lied anzustimmen.

Jungen Orgelbauern und Kirchenmusikstudierenden sollen Visionen für ihr zukünftiges Berufsfeld aufgezeigt werden. Der Blick des Orgelbauers soll vom rein Technischen und Künstlerischen (auch) auf die Perspektive gelenkt werden, wie die Orgel hinsichtlich des Singens optimierbar ist. Digitalisierung soll helfen, das Singen und die Zukunft der Orgel zu sichern und zu befördern.

Partner des Projekts

Singen - Orgel 4.0 ist ein Vernetzungsprojekt von Disziplinen, die sich noch selten gemeinsam Gedanken über das Singen der Gemeinde und/oder die Chancen und Befürchtungen des Einsatzes digitaler Elemente gemacht haben.

Dem Projektbeirat gehören an:

Dekan Ralf Albrecht, KMD Eva-Magdalena und KMD Peter Ammer, Pfarrer Andreas Esslinger (Gemeinden Wart und Ebershardt) nebst seinem Organisten Matthias Hinderer, Kirchenpflegerin Eva Ruoß, LKMD Matthias Hanke, Orgelsachverständiger Volker Lutz, für das Zentrum für Musik- und Filminformatik (CEMFI) der Musikhochschule Detmold Prof. Aristotelis Hadjakos und Dr.-Ing. Axel Berndt, für die Firma Aug. Laukhuff Magnus Windelen und Jürgen Scriba, Prof. Jens Wollenschläger für die HKM Tübingen sowie die sonst für die Orgel zuständigen Orgelbauer Tilman Trefz und Michael Mauch.

Es fanden bislang Gespräche und Austausch statt mit:

Dekan Ralf Albrecht äußerte sich jüngst zur digitalen und medialen Zukunft unserer Kirchen - lesen Sie hier.

Finanzierung

Das Projekt, angesiedelt bei der Kirchengemeinde Nagold, wird finanziell unterstützt von der Digitalisierungs-Kommission der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.

Außerdem wurde Singen - Orgel 4.0 vom Vorstand des LEADER Heckengäu für eine Förderung ausgewählt. Der positive Beschluss des Auswahlgremiums vom 27. Februar 2019 ist sechs Monate lang gültig und Voraussetzung für einen formellen Förderantrag bei der Bewilligungsstelle im Regierungspräsidium, welcher nach Einholung der notwendigen Angebote demnächst gestellt wird. Es handelt sich hierbei um reine EU-Mittel.

LEADER heißt übrigens "Liaison entre actions de développement de l'économie rurale", d.h. auf deutsch: „Verbindung zwischen Aktionen zur Entwicklung der ländlichen Wirtschaft". Es ist ein Maßnahmenprogramm der Europäischen Union, mit dem seit 1991 modellhaft innovative Aktionen im ländlichen Raum gefördert werden.

LEADER-Förderung

EU-Kommission / Landwirtschaft und ländliche EntwicklungEuropäischer Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums; Hier investiert Europa in die ländlichen Gebiete

Weitere Informationen erhalten Sie bei

Barbara Smith, Geschäftsführerin
LEADER Heckengäu e.V.
Parkstraße 16
71034 Böblingen
Tel.  07031/663-2141
Fax: 07031/663-9-2141
smithdontospamme@gowaway.leader-heckengaeu.de

und bei dem Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg.